Häuptling Hartling
- Georg

- 10. Mai
- 5 Min. Lesezeit

Brigitte Hartling ist nicht viel rumgekommen in der Welt. Für ein freiwilliges soziales Jahr oder oupair, Auslandssemester oder work&trevel war sie einfach ein paar Jahre zu früh dran. Die sozialistische Sozialisierung ließ solch Sperenzien zur Selbstfindung nicht zu. Da gab es 10 Jahre allgemein + 2 Extradrill Schule. Dann während der Polizeihochschule den systematischen Wechsel der Gesellschaft. Zum Glück, wie Brigitte das immer hervorbringt, als währe es die reine Wahrheit. Und dann mehr oder weniger die sichere Karriere, erst in Uniform, dann ohne, … also in Zivil als Allzweckwaffe des Teams und nun schon seit der alte Fromm, ihr berufliche Ziehvater, weg ist, als Chefin der ganzen Kripo der Landeshauptstadt. Sie wusste vorher, dass Mecklenburg nicht New York ist und genau deswegen macht sie den Job. Aber Zeit zum rumreisen war nie. Fliegen ist eh nicht ihr Ding. Die wenigen Male in dem sie so verreist ist, waren eher zum abgewöhnen. Zu umständlich, ökologisch bedenklich, und bei Innerdeutschen Verbindungen und der Anreise nach Hamburg gewinnt man zeitlich auch nichts. So tingelt sie in ihren freien Tagen meistens mit dem Auto aber auch mal mit der Bahn durchs Land. Diesmal fährt sie nach Sachsen. Phonetische eine Herausforderung zugegeben aber landschaftlich und kulturhistorisch reizvoll. Dresden natürlich. Frauenkirche, Semperoper, Königsschloß. Eierschecke auf den Brühlschen Terrassen und dann mit der S Bahn nach (dreimal darfst du) Rathen. Mit der Seilfähre auf die andere Elbseite. Auf dem Aufstieg zur Basteibrücke (in trauten Gänsemarsch mit allen anderen Touristen) bleibt sie vor dem Eingang der Felsenbühne stehen. Sofort bildet sich ein Stau der hinter ihr laufenden Ausflügler. Gibt es da was zu sehen, was die Anderen, die vorher vorbeigekommen sind, nicht gesehen haben? Ist ihnen etwas entgangen? Hat jemand etwa mehr erlebt als der Andere? Gibt es dann eventuell Geld zurück?
Nein, Brigitte möchte einfach die Meute loswerden. An einem goldenen Tag ist man hier nicht alleine, das wusste sie vorher. Bei ihrer Pause studiert sie die Aushänge der Felsenbühne. Karl May Woche. Winnetous in allen möglichen Varianten. Ihr erster Lieblingsautor und Kinderbuchstar auf der Bühne. Warum hat sie sowas noch nie gemacht? Für die heutige Aufführung gibt es noch einzelne Restkarten. Eine reicht ihr und das entschleunigt ihren Ausflug, da bis zum Beginn der Aufführung noch 5 Stunden liegen. Gelassen lässt sie sich im Strom der anderen Ausflügler, erst hin und dann her über die Bastei schieben. Irgendwie ist die Aussicht auf einen gelebten Kindheitstraum viel verlockender als der ohnehin bekannte Blick übers Elbtal und Lilienstein, Königstein , Gallen- Nieren- und alle andere Steine dieser Welt. Sie trottet ins verschlafene Rathen und nimmt im Café Hübner zwischen dem Fähranleger und dem Kultimbiss „Herrmann“ auf der Terrasse Platz und genehmigt sich ein Kännchen Kaffee und zwei verführerische Teilchen aus der Auslage des Kuchenbuffets. Mit an kindlich unschuldiger Trivialität grenzendem Genuss lässt sie sich den Traum aus Vanille, Zucker, Pudding, Rosinen und Teig auf der Zunge zergehen und träumt sich 45 Jahre zurück. Als tüchtige Pionierin, war sie leistungsmäßig immer vorne dran aber der Klassenstandpunkt beim Klassenausflug war ihr immer einerlei. Der politische Zinnober mit dem die Halstuch tragenden Kinder überschwemmt wurden, hat sie nicht interessiert. Allerdings gingen ihre Klassenfahrten nur entweder zur nahen Ostsee und einmal sogar in die Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“ in die Schorfheide. Da war die Verpflegung besonders gut, mehr weiß sie aber nicht mehr davon.
Und wenn sie noch so viel Zeit hat und der Pudding wieder von der Hüfte soll, dann läuft sie am Elbufer entlang und zieht in die Stadt Wehlen ein. Aus ihrer schulischen Erinnerung heraus, empfindet sie das Wort als Schreibfehler. Vielleicht hat es ja historische Gründe für das „e“, oder aber es hat auch mit der sächsischen Mundart zu tun. Ihr ist das Jagdwurst, solange die Leute weiterhin freundlich sind. Während des kleinen Spaziergangs tuckern auf der Elbe ein paar Dampfer rauf und runter. Das Sandmännchen ist auch mal mit so einem Dampfer unterwegs gewesen, fällt ihr jetzt sehr überraschend ein. „Komischer Kinderkram heute in meinem Köpfchen!“ murmelte sie vor sich hin, als sie drei wie frisch aus dem Versandhaus geschlüpfte Zombies in schrill bunter Highend Sportmode getauchte Jogger, die nebeneinander liefen, ausweichen musste. Am Marktplatz in Wehlen stellt sie fest, dass sich diese Orte in Deutschland doch irgendwie ähneln. Alles sehr schön renoviert und wahrscheinlich mit irrsinnigen Fördermitteln bezuschusst und herausgeputzt, nur fragt man sich für wen? Menschen sind keine unterwegs und sich vorzustellen das hier richtig Trubel herrscht, dafür fehlt Brigitte schlicht die Fantasie. Nichtmal ein Softeis 🍦, hat es gegeben. Und das ist fürwahr eine der wenigen schmackhaften Überbleibsel des Arbeiter und Bauernstaats. Egal, zurück zu Felsenbühne. Da sie gern auf Nummer sicher geht, läuft sie am Ufer zurück, durch den Grünbach, bis zum Amselschößen und dann links die paar Stufen zum Eingang des Naturtheaters. Eine Abkürzung durch den Busch hätte es auch gegeben, aber bei ihrem Glück hätte sie es noch fertig gebracht, sich zu verlaufen, auch wenn das nur sehr schwer vorstellbar ist, in dieser Puppenstubenlandschaft.
Als sie zum Kartenabreißer kommt, wird sie freundlich aber bestimmt in einer breiten sächsischen Mundart über dies und jenes aufgeklärt. Brigitte nickt beflissen, hat aber im Grunde keinen Schimmer um was es jetzt grade ging. Egal sie kann ihren Platz, der natürlich nummeriert ist schon alleine finden, sie hat schon ganz andere Dinge gemacht. Das Stück was heute aufgeführt heißt „Häuptling der Apatschen“ und ist nicht 1 zu 1 von Karl May. Wie auch immer denkt sich Brigitte, es wir schon passen.
Die Schauspieler fluten die Bühne, die mehr oder weniger den ganzen halbwegs ebenen Grund der Arena nebst angrenzenden Felsen einnimmt. Dabei kommt es Brigitte gar nicht so sehr auf die Handlung des Stückes an, die liebevolle Ausstattung und die Einbindung der einzigartigen Spielstätte in die Handlung ist ihr Augenmerk. Auch die Dialoge sind bemerkenswert. Der Autor konnte sich wohl nicht so recht entscheiden ob die Sprache eher originalgetreu, aus heutiger Sicht antiquiert oder jung, modern an Jugendsprache grenzend vorgetragen werden soll. Immerhin von den meisten Schauspielern mit Sprechrollen nicht in breitem sächsisch. Und gegendert wird auch nicht. Das kommt Brigitte sehr entgegen. Die meisten femininen Formen der Sprache, hält sie für von mindestens unglücklich formuliert bis gründlich verstümmelt. Ihr ist es viel wichtiger, dass man freundlich, einladend und motivierend formuliert, als das man ausgegrenzt, abgeklärt erklärt wird, wie man seine Notdurft verrichtet. Als wenn davon schon einmal irgendetwas gerechter wurde. Gleichberechtigung schafft man nicht mit Ausgrenzung. Es ist doch viel besser für etwas zu sein, als permanent gegen die Hälfte der Gesellschaft zu argumentieren. Bloß weil man Sternchen oder weibliche Endungen ranhängt, verdienen Frauen nicht für gleiche Arbeit gleich viel oder machen Männer gleich viel care-Arbeit. Brigitte selbst fühlt sich auch durch solch sprachlichen Wirrwarr nicht angesprochen. Genau sowenig glaubt sie daran, dass sich Männer durch solch ungenaue Formulierungen angesprochen fühlen. Sie selbst ist auch das beste Beispiel dafür, dass es für den beruflichen Aufstieg weder ein sprachlichen Firlefanz noch eine Frauenquote braucht. Wer gut ist, setzt sich durch. Das hat ja selbst die „Deutsche Bahn“ begriffen und die war noch nie die Schnellste.
Und wie würde denn die große Vorsitzende des nordamerikanischen indigenen Naturvolkes benannt werden, wenn es die denn geben würde? Häuptlingin? Nicht nur, dass es Brigitte vor Lachen schüttelt bei dieser Idee, es rollen sich die Fußnägel hoch und jedes Rechtschreibpogramm unterstreicht dieses Wort, knallrot!
Genau als Brigittes Lachsalve abebbt gibt es den Schlussablaus der zahlreichen Zuschauer für das dargebotene Schauspiel. In ihrem Gedanken ist sie soweit abgedriftet, dass sie von der Handlung nichts mitbekommen hat. Einzig bleibt bei ihr zurück, dass sie einem farbenfrohen Spektakel in einer bemerkenswerten Atmosphäre beigewohnt hat. Damit kann Brigitte auch sehr zufrieden sein und sich anfangs mit dem Strom aller anderen Besucher, dann hoffentlich alleine ihren Heimweg in das gebuchte drei Sterne Hotelbett antreten.




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