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Brigitte geht baden

  • Autorenbild: Georg
    Georg
  • 24. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Im öffentlichen Dienst besteht die Möglichkeit, verschiedene sportliche Betätigungen sich als Arbeitszeit anrechnen zu lassen. Das gilt zwar nicht für die montagliche Yoga Stunde , die sie seit Menschengedenken absolviert, aber als Brigitte Hartling die Liste mit den behördlichen Maßnahmen zur Erhaltung, Förderung und Unterstützung der körperlichen Gesundheit in den Händen hielt, fiel ihr Interesse auf einen Schwimmkurs. „Stressfrei und Sicher im Wasser“ mit polizeilichem Siegel. Donnerstags ab 20 Uhr in der Wohngebietsschwimmhalle Werdervorstadt. Die Kosten können anteilig vom Arbeitgeber übernommen werden. Da Brigitte über ein vernünftiges Budget verfügt, interessiert sie der vorherige Satz eigentlich gar nicht. Wichtiger ist die Information, des Beginns. 20.00 Uhr sollte eigentlich zu schaffen sein, trotz eventuell großer Arbeitsbelastung. Aus dem Interesse wird ruckzuck der Entschluss. Die Anmeldung erfolgt in nullkommanix elektronisch. Die Polizei in Schwerin ist modern. Mit der automatischen Kursbestätigung kommt gleich noch eine Liste mit Dingen, die dringend empfohlen werden, mitzubringen. Nun ist das Wort „empfohlen“ im Sachtext größter und kursiv fett hervorgehoben. Brigitte versteht die  Empfehlung auf dem Zettel, als wenn Don Vito Corleone mit dem auf die Kniescheibe gedrückten Revolver ein Angebot gemacht hat, was sie besser nicht ablehnen wird.


„Badeanzug, Badekappe, Schwimmbrille,Latschen, Nasenklammer, Kunden die Nasenklammern kauften- interessierten sich auch für Ohrplugs. Duschgel, Haarshampoo, Spülung, Conditionierer, etwaige cremige Substanzen und ein großes Badehandtuch.“


Fehlt nur noch, sagt Brigitte reflexartig zu sich, die Schwimmnudel und die Erlaubnis der Mutti.

Am Abend stürmt sie ihren Kleiderschrank und wühlt sich bis zum Grund durch. Irgendwo muss doch der Badeanzug liegen, den sie 1993 bei woolworth gekauft hatte. Dahinten sieht sie die problematische Farbkombination.  Mit dem längsten Arm, den sie zu Verfügung hat, angelt sie sich ein kleines Stück der pink-rosa-schwarzen Vollplastik und zieht hemmungslos. Vor dem Spiegel schlüpft sie trotz ernsthafter Bedenken in das Teil und stellt ernüchternd fest, dass es wirklich nicht mehr für den vorgesehenen Zweck geeignet scheint. Abgesehen von der unästhetischen Farbgebung, hält der Fummel nichts in Form. Nun, bei Brigitte ist zwar auch alles was gewöhnlicher Weise an einer Frau mittleren Alters dran sein sollte, in sinnvoller proportionaler Menge an Ort und Stelle. Trotzdem sollte es nicht unkontrolliert bei jeder Gelegenheit aus der Trikotage reis aus nehmen können. Wieder im gemütlichen Hausanzug setzt sie sich vor das weltweite Netz und befragt einschlägige Versandhäuser nach der empfohlenen Liste. Da sie rational veranlagt ist, hat sie entschlussfreudig in nicht mal einer halben Stunde fette grüne Haken hinter jeden Punkt der „to bring Home“ Liste gemacht. Dabei hat sie freilich darauf geachtet, dass das ausgeschnittene Dekolleté der Neuerwerbung nicht bis zu den Knien reicht und die seitlichen Beinausschnitte weit vor den Achselhöhlen enden. Auch farblich ist sie sehr konservativ rangegangen. Das Paket kam dann auch ein paar Tage später in ihrer bescheidenen Behausung an. Alles passte und entsprach ihren Vorstellungen. Es ist eben doch gut, wenn man diese fernöstlichen Versender meidet.

Als es dann endlich Zeit war, die Neuerwerbungen einzuweihen, wurde Brigitte mit allen anderen Kursteilnehmern ordentlich durch das gechlorte Nass geschickt. Wasser teilen, arm- und beinfuchtelnd Selbiges durchpflügen, springen, tauchen, gleiten, atmen und flüssige Bewegungen im Takt des eigenen Tempos. Brigitte hat gar nicht gewusst, was sie im Wasser bisher alles okay 🙆‍♂️ falsch gemacht hat. Ein Wunder, dass sie noch nicht abgesoffen ist auf ihren bisherigen Planschvergnügen.

Als sie dann gegen 22.00 Uhr zu Hause war, die nassen Klapeiken ausgebreitet hatte, verfiel sie dem Lockruf der Zahnbürste. Mit weichen Knien torkelte sie in ihr Schlafgemach und war gespannt darauf, was ihr Kissen ihr Dringendes mitzuteilen hatte.


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