top of page

Ausfliegen

  • Autorenbild: Georg
    Georg
  • 21. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Mai






Auch an den Wochenenden hat die Chefin der Schweriner Kriminalpolizei nicht immer frei. Aber wenn, dann genießt Brigitte Hartling ihre Zeit in vollen Zügen. Natürlich nicht wörtlich genommen in der Bahn, sondern nach freien Stücken, nach ihrer Vorstellung. Jetzt im Frühsommer gibt es noch jede Menge Feier-, Brückentage und weiß der Henker auch, was alles abzugelten ist. Für den nächsten Samstag ist nun ein Fahrradausflug mit der on-offBeziehung Peter geplant. Der Umstand, dass sie rein theoretisches ein gemeinsames Wochenende haben, ist so wahrscheinlich wie eine gewonnene 4er Wette auf der Rennbahn. Aber nun klappt es und um die Sache nicht zu gefährden, übernachtet der Peter mit Gepäck und fit gemachten Fahrrad in, sagen wir, nicht ganz katholischen Umständen, bei Brigitte. So stehen die Beiden nach dem ersten krähen, Verzeihung, klingeln des Weckers auf und nach einem spontan sehr spärlichen Frühstück schwingen sie sich auf die Sättel, die für heute ihre Welt bedeuten sollen. Der Wettergott ist milde gestimmt und verspricht beste Bedingungen. Ruckzuck ist die Stadt hinter den Katzenaugen des rückwärtigen Schutzbleches verschwunden und es rollt richtig gut in Richtung „Nichts“. Nun ist Schwerin schon nicht der Hotspot des Lebens, so stellt die unmittelbare Umgebung der Landeshauptstadt mit der danieder liegenden norddeutschen Tiefebene wahrlich noch ein deutliches Gefälle von Leben mit nahezu ereignislosem Dasein dar. Riesige landwirtschaftliche Nutzflächen in unwahrscheinlichen optischen Weiten. Nur gelegentlich unterbrochen von austauschbaren umbauten Straßenkreuzungen, die zur Verwunderung von Brigitte, mit Ortsschildern begrenzt werden. Die Felder glänzen mit rapsgelb und wintergerstegrün in der Sonne ☀️. Lediglich unüberschaubare nervös flatternde Vogelschwärme zieren den azurnen Himmel. Bei der ersten Ansammlung von Bäumen, die den Namen Wäldchen verdient, verlassen die beiden Radler spontan den vortrefflich asphaltierten Radweg. Auf dem von von Bodenwellen, offnen liegenden Wurzeln und Zweigen gezeichneten Weg, geht es nun nicht mehr so schnell voran, aber dafür werden die Beamten durch den betörenden Duft des Waldes und die bezaubernden Lichtspiele der sonnendurchfluteten Stämme und Äste entschädigt. Offen gestanden hat Brigitte, die soetwas nicht oft macht, keine Ahnung mehr, wo sie sich eigentlich befinden, aber der vorausfahrende Peter wird’s wohl wissen, so ihre Vermutung.  An einer kleinen Lichtung gibt es einen offenen Unterstand, Bänke,Tische und ein Erklärschild, dass der Rastplatz zwar 24 Stunden geöffnet hat aber Selfservice herrscht! Der Peter fördert überraschend reichhaltig ein Imbiss aus seinem Gepäck und bittet nun Brigitte fast formell zu Tisch. Ihre Mägen werden sportlich gefüllt und die Karte wird studiert, eine Route abgestimmt sowie Sonnencreme und Mückenschutz aufgetragen. Leider ein bisschen zu spät, da zwei dicke Beulen auf dem linken Jochbein Brigittes Antlitz bereits verunzieren. Gestorben wird später und so radeln sie zum nächsten Etappenziel. Johannstädt. Peter war mal als Kind dort im Betriebsferienlager seines Vaters und erinnert sich mit glänzenden Augen an eine Eisdiele. Mal sehen was nach 40 und mehr Jahren davon übrig ist. Nach 40 Minuten auf unter astbecktem Weg über Stock und Stein, Wurzeln, Senken und Huckel, verlassen sie das Waldstück und nehmen Kurs auf Peters Vergangenheit. Im Örtchen angekommen steht die Kirche noch immer in der Mitte. Peter benötigt einen Moment zur Orientierung. Häuser wurden renoviert, umgebaut und neue kamen hinzu. Straßenbäume wurden größer und der Belag gänzlich erneuert. Kaum vorstellbar, dass das der gleiche Ort sein soll. In dem Haus in dem er die Eisdiele von damals vermutet, residiert heute die einzige Gastwirtschaft von Johannstädt. „Asiaküche und Eiscafé“ steht auf dem Schild über der Tür. Eine wilde Mischung. Die Sonnenschirme sind aufgespannt, Licht brennt und laut Aushang, haben sie seit einer Stunde geöffnet. Als erste und einzige Gäste suchen sich die zwei auf der Terrasse einen beschatteten Tisch mit Blickkontakt zu den Fahrrädern und zum Tresen im Gastraum. Ein junger freundlicher aber mit der Amtssprache offensichtlich nur rudimentär vertrauter Mann im Freizeitdress bringt fast lautlos die reguläre Speise-, die saisonale Spargel- und die obligatorische Eiskarte.  Nach gebratenen Entenfüßen  mit Glasnudeln und Sojasoße steht in der norddeutscher Provinz um halb zwei am Nachmittag keinem der Sinn und so fällt die Wahl auf ein Schwedeneisbecher. Gerüchteweise , eine der wenigen, wenn nicht die einzige ostdeutsche Erfindung mit internationalem Flair. Vanilleeis mit Sahne, Apfelmus und Eierlikör. Mit Schweden hat das natürlich so viel zu tun, wie die Kuh mit dem Sonntag, aber irgendwie muss das Machwerk ja heißen. Der übergroße Milchkaffee flankiert den Genuss und sorgt dafür, dass die Probanden nicht nach der Dosis Zucker, Fett und Alkohol in ein Wachkoma sinken. Anständig getunt, verlassen Brigitte und Peter Hand in Hand, wie zwei verliebte Teenager, nach einer Stunde das Kaffee in Richtung Badesee. An der ehemaligen volkseigenen Kiesgrube ist in der Zwischenzeit ein veritables Kleinod für Sonnenanbeter und Anhänger der Freien Körperkultur entstanden. Kaum an der Wasserkante angekommen, rutschen wie von selbst die Textilien von  Schultern und Hüfte und aus Brigitte und Peter werden für die Momente des Badevergnügens Eva und Adam, wie Gott sie schaffen würde. Das hat allerdings nichts erotisches an sich, weil aufgrund der Wassertemperaturen (warum Plural) an Spielereien im weitesten Sinn nicht zu denken ist. Es geht im wahren Wortsinn, um das nackte überleben. Als sie sich in der Sonne liegend wieder aufwärmen und trocknen, spukt in Brigittes Hirn der Begriff, „Nackte Republik“ rum. Egal , Hauptsache Republik und keine wie auch immer befreite Zone, denkt sie sich. Schaulustige gibt es keine, da sich die strukturschwache Region fast entvölkert hat. Zurückgeblieben sind vornehmlich Grundschullehrerinnen im schwiegermutteralter und übergewichtige Landwirte, die in einfamilienhausgroßen Traktoren die Felder beackern oder Äcker befeldern. Als sie wiederum Radlermontur stecken, gibt Brigitte Peter ein harmloses Küsschen und murmelt etwas, von schönem Ausflug. Nach Schwerin zurück, sind es nun noch circa zwei Stunden, nicht zuletzt da der Wind ihnen entgegen bläst.  Auf dem etwas eintönigen Weg zurück, bei dem nur einem Schweizer Uhrwerk gleich, mechanisch präzise die Beine die Pedale treten, hat das Hirn eine gewisse Auszeit. Schön war’s in der Tat und noch so einige leicht veränderter Sprüche aus der Vergangenheit drängen sich in Brigitte. „Ausflügler aller Länder vereinigt euch“. Oder „Macht Ausflüge-keinen Krieg!“ und „Für Ausflüge seid bereit, immer bereit“. Schabernack! Auf was Frau alles kommt, wenn ihr Gehirn frei hat!

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen

In die Mailingliste eintragen

  • Google+ - Black Circle
  • Facebook Black Round
  • Twitter Black Round

© 2019 by Planet Georg Blog

Proudly created with Wix.com

Impressum

Impressum dieser Website erstellt über den Generator der Deutschen Anwaltshotline AG

Angaben gem. § 5 TMG

Betreiber und Kontakt:
Georg Bähler

Thulestraße 67
13189 Berlin

Telefonnummer: 01772980897
E-Mail-Adresse: g.baehler@gmx.de

Verantwortlicher für journalistisch-redaktionelle Inhalte gem. § 55 II RstV:
Georg Bähler Thulestr. 67 13189 Berlin

Bilder und Grafiken:
Angaben der Quelle für verwendetes Bilder- und Grafikmaterial:
Georg Bähler, Wix.com

Online-Streitbeilegung gemäß Art. 14 Abs. 1 ODR-VO
Die Europäische Kommission stellt eine Plattform zur Online-Streitbeilegung (OS) bereit, die Sie unter http://ec.europa.eu/consumers/odr/ finden.

Tel: 0815 4711

bottom of page