Proberentnern
- Georg

- 29. Juni
- 2 Min. Lesezeit

Ich weiß, der Vergleich ist schief.
Rentnerdasein schließt ja eigentlich den Bezug von Altersruhegeld ein. Und gewöhnlich, wenn man nicht beim Militär oder Justiz arbeitet, ist man erst mit mindestens Mitte sechzig dran, wenn das los geht. Nun ja, bei mir ist das natürlich ein bisschen anders. Und ich komme ja auch im August zurück, ins Arbeitsleben. Jedenfalls ist das so geplant. Seit dem 1.Mai (Tag der Arbeit) pausiert Selbige bei mir. Prima ist das!
40 Jahre Baustelle haben meinen Körper selbst zu einer Solchen gemacht! Für einige abnutzungsbedingte Wehwehchen ist die Verniedlichungsform schon längst nicht mehr angebracht. Das heilt jetzt zwar nicht automatisch, aber durch nur noch verminderte Belastung, wird es auch nicht noch schlimmer. Und was den Geist angeht, der natürlich auch 40 Jahre rüdes Baustellendasein mit verhältnismäßig unintellektuellen Anforderungen hinter sich gebracht hat, ist diese Pause ein Eldorado! Ich probiere vieles aus: reise, mach Fotos, lese, schlafe aus, gärtnere, schreibe, sportel hier und da und wenn ihr sehr viel Glück habt, vermeide ich grade noch so das Singen und Instrumentebedienen. Die Ergebnisse werden alles andere als professionellen Ansprüchen gerecht, aber diese habe ich auch gar nicht.
In der jetzigen Tagesfreizeit kann ich in den schönsten Omacafés zum Beispiel um 13.30 Uhr Torte essen. Oder jeden Freitag um 11.30 Uhr als gelehriger Schüler einen Volkshochschulkurs belegen. Oder einfach mal später frühstücken, ganz nach Belieben. Es ist schon premium. Natürlich könnt ich auch gehörig meckern und damit viel negative Energie verbreiten. Wenn der ÖPNV nicht gut funktioniert, der Müll nicht abgeholt wird, Kinder im Hof Fußball spielen und alle andere Dinge, über die sich Rentner aufregen. Aber das mach ich nicht, irgendwo muss Schluss sein. Ändern, das kenne ich schon, würde meckern ja auch nix. Ich besuche lieber ein paar Freunde, kümmere mich um die fast erwachsenen Nachkömmlinge, die etwas wackeligen Vorläufer oder fahr in den Garten, such mir ein schattiges Plätzchen und warte bis die WM rum ist. Man könnte es augenblicklich mit zwei Worten zusammenfassen: es läuft! Und obwohl man mit der Partnerin mehr Zeit verbringt als zu anderen Zeiten (sie geht zur Zeit auch nicht in ihr Büro), gibt es weniger Streit als sonst. Bingo !!! Entgegengesetzt proportional, so zu sagen.
Vielleicht sollte ich mich einfach öfter um mich selbst kümmern, als bei jedem Anruf, sofort „ja klar, bin unterwegs“ zu sagen. Irgendwie ist es für eine dauerhafte Freizeit noch zu früh. Es ist doch sehr erhebend für das Ego (und auch für das eigene Portemonnaie, nebenbei bemerkt), seinen Kunden ihre Wünsche so gut es einen gegeben ist, zu erfüllen. Ich vermute, dass ich die Dosis von der Mixtur die sich Alltag nennt, auf meine eigenen Bedürfnisse passgenauer anpassen muss um dauerhaft happy zu sein. Mal sehen, ob mir das gelingt.



Kommentare