Mitklatscher vom Dienst
- Georg

- 7. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Eigentlich war ich mit mir im Reinen, wollte im Sommer bloß draußen sein, das Brandenburger Land genießen und als Irisch ☘️ Rover an der dortigen Westküste rumstromern, alpine Gipfelerlebnisse zelebrieren, mit Freunden die Abendsonne in Biergärten oder Freiluftkinos genießen, solch Zeug halt. Naja, dafür ist ja immer noch genug Zeit. Es kam nämlich anders.
Zufriedenheit ist nur ein Mangel an Information. Leider scheine ich noch manchmal zu merken, was ich lese. War doch im Nachrichtenmagazin unter der Rubrik Musik ein Bericht über eine Künstlerin abgedruckt, die ich bisher nicht auf dem Zettel hatte. Verflucht sei meine Neugier. Dort war sinngemäß die Rede von Postpunkhoffnung, erfrischend rockig, rotzig frech, selbstbewusst unkonventionell oder vom stachligem unabhängigen Pop. Deutschsprachige Texte tragen zur allgemeinen Verständlichkeit bei. Mehr braucht es nicht, dachte ich mir und jut, ick hör gleich mal rein. Das brandneue Album, ihr drittes immerhin, heißt wie die Künstlerin selbst „Christin Nichols“.

Was soll ich euch erzählen, umgeblasen hat sie mich oder abgeholt- ohne das ich ausgerechnet auf sie gewartet hatte. Wer in Schubladen denkt, dem sage ich: man nehme die frühe Nena- wie sie heute klingen würde, eine sehr große Portion Ideal, einen Tick Nina Hagen und jede Menge Christin Nichols. Schockverliebt, also im nicht verantwortlichen Bereich des Tuns, hab ich mal nach einem Termin für eine livehaftige in Ohrenscheinnahme gesucht und überraschenderweise auch kurzfristig gefunden. Ich hatte keine Wahl, musste zwanghaft, wie ferngesteuert handeln, Karten kaufen und mich zum beklatschen, zujubeln und abfeiern in der Musikoase einfinden. Jetzt war es dann im Lido soweit. Die Vorband heizte schon rockig ein. „Laura Lee & The Jettes“ könnten zukünftig auch gerne Hauptact sein. Dann ging’s aber mit Frau Nichols los.

Ich möchte zwar ab jetzt noch ab und zu auch etwas Anderes hören, aber vorläufig ist ihre Scheibe ziemlich oft in meiner Hitrotation zu hören. Der Soundtechniker des Konzerts war nicht das „weiße vom Ei“ und so war es leider viel zu basslastig und vorallem zu laut. Das könnte einem schon ordentlich die Ohren verhageln. Nichtsdestotrotz, von der ersten Sekunde an sind die zahlenden Gäste ihr und nur ihr Publikum, hängen an ihren Lippen, ihren Gesten und ihrer Mimik. Energiegeladene Kleidergröße 36, markantes Gesicht und rotblonde lange lockige Haare hätten mich als visuell gesteuerter junger Mann eventuell in die erste Reihe befördert. Aber all das war mir bei Konzerten schon immer Bockwurst. Mal divenhaft, mal verletzlich oder unnahbar und geheimnisvoll zeigt sie das dem Publikum, was sie grade für sinnvoll hält. Geschickt bringt sie das von der Bühne in den tanzenden Saal, was sie vorher in Noten auf, früher hatte Langspielplatte gesagt, gepresst hat. Da ich altersvergessen riskant mit dem Fuß gewippt habe und teilweise mit der Hüfte wackelte, fürchte ich mich nun vor dem morgigen Muskelkater. Wäre ich noch ein junger Mann, hätte ich meine angeborene Schüchternheit aufgegeben und in der ersten Reihe einen veritablen Moshpit initiiert. Durch rechtzeitige Zuführung von Magnesium und anderer elektrolytischer Energie, konnte ein medizinischer Notfall bei mir wirksam verhindert werden. Nach der geräuschtechnischen Verjüngungskur, weiß ich mit Bestimmtheit zu behaupten, Rock’n’Roll ist nicht tot, er ist vielfältig und ewig jung und vorallem trägt „er“ endlich mal wieder Rock!




Kommentare