Ein Nachmittag bei Gabi
- Georg

- vor 2 Stunden
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Seit Jahren laufe ich zu allen Urlaubszeiten an diesem außergewöhnlichen Haus vorbei. Und natürlich weiß ich, was das für ein Haus ist. Es steht als Solitär auf einem Hügel, inmitten eines sinnvoll angelegten wunderschönen Sommergartens. Kurz nach der Errichtung, zu Beginn des letzten Jahrhunderts, wurde es an die jetzige Besitzerin verkauft. Dorthin wurde ich als Dank eingeladen, weil ich, als hilfsbereiter „junger“ Mann, auf dem Weg vom Supermarkt einer sehr betagten Dame, einige Einkäufe den beschwerlichen Hügel hinauf trug. „Zum 17.00 Uhr-Tee im Garten bitte und seien Sie pünktlich!“ mit kräftiger Stimme. „Ach ja, Münter“ schob sie hinterher. Als wenn das noch nötig gewesen wäre? Ich, der natürlich viel mehr über sie weiß als sie weiß, weiß natürlich auch ihren Vornamen und meine innere Stimme schreit unhörbar laut „Gabriele“. Aber das muss sie auch nicht wissen und so werde ich dann pünktlich erscheinen und am Gartentörchen stehen. Als ich äußerlich betont gelangweilt und innerlich lichterloh brennend um Punkt 5 in sommerlich kariertem Kurzarmhemd und zünftigen Lederhosen zum Törchen schlendere, winkt sie mich einfach zum Tischen im Halbschatten vor der berankten Fassade durch. Ich muss an die bewegte Geschichte des Hauses denken und kenne natürlich auch den volkstümlichen Namen. Dieser ist nicht mehr aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen. „Das Russenhaus“! Obwohl der Russe nur ein paar Jahre hier lebte und das schon zwei Weltkriege her ist. Kandinsky, Lehrer, Förderer und Geliebter von Frau Münter. Obwohl es damals eigentlich Fräulein hieß. Fräulein Münter war nämlich Malerin, als ihr ihre Hände und Augen noch jugendlich gehorsam waren. Die, nennen wir es Verbindung, mit dem Herrn Kandinsky war künstlerisch äußerst fruchtbar, aber nicht von langer zeitlicher Dauer. Während der wenigen gemeinsamen Jahre entstand mit einigen gleichgesinnten Mitstreitern die Künstlergruppe „Blauer Reiter“ und diese revolutionierte das damalige Kunstverständnis. Weiß der Fuchs, wie Frau Münter es geschafft hat, über 100 Bilder in diesem Haus vor der Vernichtung in den dunkelsten deutschen Zeiten zu verstecken.
All das kommt beim Teetrinken aber gar nicht zur Sprache. Ein paar Geheimnisse verrät sie mir dann doch noch. Sie hat in ihrer Rocktasche immer ein kleines Skizzenbuch. In diesem hält sie die alltäglichen Dinge ihres alternden Lebens fest. Mit dem immer noch knapp 20 cm langem angekauten Bleistift, welcher 95 Prozent des Tages ihr würdevolles langes graues Haar als Haarnadel zu einem Gebinde zusammenhält, zieht sie blitzschnell ein paar Linien übers Papier und so bin ich nicht nur Zeuge sondern auch Model eines „Blauen Reiters“ (m,w,d) zur „Blauen Stunde“ im „Blauen Land“.


Das kann man schon mal träumen.
Dieser Text war eine Aufgabe auf der Grundlage eines Fotos einer älteren Dame vor einem Gartenhaus und einem zu verwendenden Textbestandteil: „angekauten Bleistift“ 2.Fassung




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