Erwachsen

Eigentlich dachte ich, Mädchen sind damit nach 16 Jahren fertig, mit systembedingten Abweichungen natürlich. Jungs - mit mitte Zwanzig, spätestens. Nun, zumindest auf mich gemünzt, muss ich jetzt Einiges neu einordnen. Pubertär war ich nicht der frühste Schmetterling, der sich aus dem kindlichen Kokon befreit hat. *1
Dafür, endlich einmal erwacht, startete ich ohne Pause durch, zog Ausbildungsbedingt mit 16 Jahren ins Wohnheim und danach nicht wieder bei den Eltern ein. Mit 21 Jahren folgte
dann auch die wirtschaftliche (sinnvoll oder nicht?) Selbstständigkeit. Auch emotional klebte ich nicht am Rockzipfel. Mehr geht nicht, dachte ich. Aber nun, eine Generation später, werde ich eines Besseren belehrt. Loslassen 2.0! Obwohl ich das eigentlich schon ziemlich lange übe, spätestens als der damals 15 jährige erstgeborene Bub für ein Jahr in die USA ging, bin ich immer noch Anfänger. Zahlreiche vorhergehende und unzählige weitere mehr oder weniger harte Prüfungen testeten die emotionale Reisfestigkeit der unsichtbaren männlichen Nabelschnur. Dabei stellte ich für mich immer wieder fest, dass es verdammt uncool ist, cool zu sein. Hat man die Jugend dazu gebracht, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, die Welt auf’s eigene Risiko zu erkunden, ist einem das irgendwie auch nicht recht. Es wird die Kunst erwartet, die beschützende Umarmung erst in ein unterhakendes Stützen und dann in ein freundliches aber dann doch drängendes Schupsen übergehen zu lassen. Vielleicht liegt es ja an meiner persönlichen Unreife, dass ich mich am Weg der Nachkömmlinge wie ein alter Autoreifen auf die Kanten und Ecken legen möchte, um nach unaufmerksamen Straucheleien etwaige Schäden abzumildern. Oder es liegt an meinen nicht immer nur positiven Erinnerungen an die ersten Schwimmversuche im Haifischbeckens des Lebens. Oder es liegt an der sich verändernden Welt, an Chancen und Risiken die ich zunehmend, wenn ich sie schon noch erkenne, nicht mehr real taxieren vermag. Anyway, immerhin unterstütze ich die Jungs bei ihren Aktivitäten nach Kräften und versuche nicht nur der Mahner zu sein, der die sich erfüllenden Prophezeiungen ungefragt in die Welt posaunt. Und so werde ich mit vielen Jahren Verspätung, immer wieder ein Stück mehr erwachsen. Vollständig, so mein Verdacht, wird das wohl nie geschehen, und das ist gut so! Immerhin konnte ich das „V“ vor dem „erwachsen“ verhindern, bisher!
*1: Andere sagen: „aus der Zwangsjacke schälen“




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