Brief in die eigene Vergangenheit

Lieber Papa Georges,
heute habe ich einen Film aus einem Fotoapparat, den ich jahrelang nicht benutzt habe, vom entwickeln zurückbekommen. Es sind viele Schnappschüsse von vor langer Zeit darauf zu sehen. Unter anderem auch ein Bild von dir oder sollte ich lieber sagen, mit dir drauf? Egal, du weißt was ich meine. Es ist das treffendste Bild von dir, dass ich je gesehen habe.
Du stehst in deinem Zimmer in der Hochlandstraße, welches im Familiensprachgebrauch nur „Bibliothek“ hieß, mit dem Rücken zum Fenster an den Tisch gelehnt und rauchst genüsslich eine Zigarette. Ich hatte grade auf den Auslöser gedrückt, als du gedankenverloren durch deine Brille starrtest und die Luft im Zimmer bis zum schneiden mit Qualm flutetest. Dein Blick ist so, …so wartend. Worauf ist leider nicht ersichtlich. Das stark blendende Gegenlicht, welches durch das Fenster strahlt, sinnbildet die Energie deines kämpferischen Charakters. Die scharf geschnittenen Schatten deines Körpers, zeigen wie verletzlich du in Wahrheit bist. Wie allein in deinem Kampf, mit deinem selbstgewählten Auftrag. In deinem Gesicht zeichnen sich deutlich Müdigkeit und Frustration ab. Heute, so viele Jahre später, weiß ich viel mehr über dich und deine Arbeit. Heute habe ich eine grobe Vorstellung davon, in welcher Situation du damals warst.
Nichts für ungut, lieber Papa Georges, mir warst du trotz allem sehr nah. Trotz der gegenseitigen Sprachbarrieren, trotz deiner reservierten Art, deines nicht mit uns rumtobens, nicht Pflaumen aus Nachbars Garten stibitzens, trotz dem ganzen nicht getanen Zeug welches Großväter mit ihren Enkeln sonst so machen. Aber dein unbedingtes einstehen für deine Überzeugungen, ist mir ein leuchtendes Beispiel für eine aufrechte innere Haltung geworden. Danke dafür!
In Liebe, dein Enkel Georg





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